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Ave Maria
Musik ist “tönende Bewegung”. Zur freischwebenden Melodie mittelalterlicher Gregorianik
geformt, ist sie dem Wort verpflichtet, wandelt es zum klingenden Wort, im Magnificat oder in einer das Canticum als Kehrreim umsingenden Antiphon.
Im Anonymus (England) wird die Melodie im Diskant eines polyphonen Geflechts ”zersungen”, das Wort wird im (instrumentalen) Klang ”ausgelegt”.
In Bachs
Choralsatz Meine Seele erhebt den Herrn wird Musica zur ”Klangrede”. Das Canticum wird angestimmt von der Ecclesia, der ganzen christlichen Gemeinde. Ähnlich der musikalisch Ausdruck in Praetorius’
Liedsatz. Die ”gute Mär” wird im Gewand milde leuchtender Klänge weitergesagt.
Im Ecce Maria des Lautenmeisters Louis de Milan, in den Motetten des Cristobal Morales und seines Schülers Th.Luis de Victoria bleibt das ”klangschöne Gleichmaß” der
Satztechnik Palestrinas erhalten, aber der musikalische Ausdruck wird gesteigert, vor allem durch vom Taktwechsel ausgehende Bewegungsimpulse und durch Diminution des melodischen Materials.
Anders die stille, anmutige Klangrede Dufays, die sprechende Gestik im Gesang, verbunden mit sparsam dezenten Klängen der Flöten. Dieses schlankgliedrige gotische Ziergeschmeide
kündet ein Neues an: die Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit aller Stimmen im polyphonen Gewebe, im Fließen der energiegeladenen Bewegungszüge, zugleich tönendes Abbild der kosmischen Baugesetze Gottes. Das alles,
das Neue, im Werk Ockeghems: Wortgezeugte Motive wandern durch alle Stimmen, Tongebärde deutet den Sinngehalt, die ”Seele” des Wortes. Josquin des Prés
baut die Ausdruckskunst der musica reservata weiter aus, mit Tonfiguren im wunderzarten “Ave Maria”, dem weiten Anruf zu Beginn; ausziseliert das “Gratia plena”, weitgespannt das “Dominus tecum”. Beim “Solemni plena...” verdichtet sich der Klang zu akkordischer Deklamation. Paariger Wechsel der Stimmen, motivische und melismatische Ausformung der melodischen Linie, Taktwechsel, Pausen, ruhende Akkordsäulen in den Schlusstakten: “O Mater Dei ... AMEN”, das ist zugleich edler Sinnenklang. Affekte stehen im Blickfeld.
Josquin des Prés
wusste um die Wirkungsmacht der Musik, fügt das Klangmaterial “ethisch”, auf platonische Ethoslehre zurücklenkend. Auf engstem Raum zeigt sich das Prinzip der musica reservata in der Motette Hodie apparuit von
Orlando di Lasso; die Stimmen singen vom Geheimnis der Menschwerdung Gottes.
Die anonym überkommene Cancone und Henry Purcells Fantasy sind Spielstücke, mehrteilig, ästhetischer Genuss zur sinnvollen “Erfüllung der Muße” (Aristoteles).
Tarquino Merula
hat entscheidend zur Umbildung der Canzone des 16.Jh. zur Kirchensonate beigetragen. In seiner Sonata chromatica kommt die Schönheit und Charakteristik der Chromatik zum Ausdruck, und das in der Tonordnung jener Zeit, der sogenannten “Mitteltönigkeit” mit den natürlich-harmonischen Terzen und den echten Chromata. Es ist der hohen Spielkultur des Hamburger Blockflöten-Ensembles zu verdanken, dass das originale Klangbild in seiner farbigen Schönheit dargestellt werden konnte.
Das gilt auch für Bachs “Kunst der Fuge”. Ein halbes Jahrtausend abendländischer Polyphonie klingt auf. Alle Bauelemente der Harmonik werden genutzt, horizontal-melodische und
vertikal-harmonische Kräfte vereinigt im “harmonischen Kontrapunkt”. Kosmische Zahlen durchwirken das Geschaffene, Zahlensymbolik legt Verborgenes frei, erhellt “dunkles” Wort, weist hin auf den lebendigen Gott und
die Geheimnisse seines Tuns. Eine Art Abbild des Augustinischen Gottesstaates.
Mozarts Fuge in g-moll (seiner Lieblingstonart!) ist ein edler Nachklang dieser hohen Kunst.
“Virgo Maria”, instrumentiert zur plastischen Schau einer Prozession, gibt andersartigen Klangmischungen Raum.
Im “Stella Maris” (1993) von Renate Dörfel-Kelletat steigen perlende, glasklare Klangfontänen auf, und im “Dialog” (1994) lassen ungemein reizvolle neue Klänge aufhorchen. Eine
ausdrucksstarke Klangrede.
Von der Gregorianik des Mittelalters bis zur Gegenwart: Vielfalt der Formen, Fülle der Klänge, Wirkung des Spiels der musikalischen Kräfte, “Symphonalis est anima”.
(H. Kelletat)
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